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Jetzt mal ehrlich, Gott

Gedanken aus dem Zug

Gerade ist kein YiMC. Leben mit Gott aber schon. Grund genug, mal zu erzählen. Vom Leben, Jesus und was machen, wenn es mal nicht so läuft.

Die Türen schließen selbstständig und zwei Diesellocks ziehen unter Stöhnen neun Doppelstockwagons. Für mich ist Arbeitsweg auch immer Andachtszeit. Ich freue mich über einen Platz ohne Sitznachbarn, ziehe das Handy aus der Tasche und denke: Ich habe überhaupt keine Lust. Mir fährt ein Schrecken durch den Kopf. Keine Lust auf Andacht? Das darfst Du nicht!

Eine Station später quälen sich die Diesellocks immer noch mit dem Gewicht und ich mich mit schweren Gedanken. Was soll ich denn tun, wenn ich keine Lust habe? Ich versuche es mit Durchziehen und denke an Sätze, die ich oft in der Gemeinde gehört habe: „Manchmal muss man eben einfach das Richtige tun, auch wenn man sich nicht danach fühlt“ oder „Gute Gewohnheiten helfen durch Tiefphasen“.

Also Lektion machen. Es geht um Jesus, der auf die Welt kam, um Verlorene zu suchen. Jesus, der auf andere zuging und ihnen helfen wollte. Ich lese die angegebenen Texte und tippe brav meine Antworten ein, aber in meinem Kopf hämmert die Frage: Mann, Du sollst anderen von Gott erzählen, dabei hast Du selbst nicht mal Lust auf ihn? Ich lege das Handy auf den Deckel des kleinen Mülleimers, der unter dem Fenster hängt. Nennt man das nicht Werksgerechtigkeit? Etwas nur deshalb tun, weil es richtig ist? Andacht machen, damit ich erlöst werde und nicht aus Liebe, Dankbarkeit, weil ich erlöst bin? Ganz hinten im Kopf klingt leise die Frage: Und warum hast Du keine Lust auf Andacht mit mir? Ich mache die Augen zu und überlege. Aus dem Überlegen wird ein Gespräch mit Gott: Ein Gespräch darüber, dass ich mir vieles anders vorstelle, darüber, dass ich manchmal fünf Minuten nach der Andacht nicht mehr weiß, was ich gelesen habe. Darüber, dass ich mir wünsche, dass ich anders wäre.
Ich muss an Hiob denken, der über 30 Kapitel lang mit Gott hadert. Oder an David, der in so vielen Psalmen sein Leid beklagt oder um Hilfe ruft. Und schließlich fallen mir die Emmaus-Jünger ein, die Jesus ins Gesicht sagen: „Wir aber hofften, dass er der sei, der Israel erlösen sollte“ (Lk 24,21). Und Jesus? Macht das Hiob, David oder den Jüngern nie zum Vorwurf. Er sagt nie: „Was klagst Du so?“ oder „Jetzt reiß Dich zusammen!“ oder „Mir egal, wie Du Dich fühlst, tu, was ich Dir sage!“ Vielmehr weiß er: Alleine kommen wir damit nicht klar. Alleine kann uns nicht einmal unsere Sünde leidtun.

Grüne Hügellandschaft zieht in der Morgensonne an mir vorbei und mein Schrecken verfliegt. Ich muss mich vor Jesus nicht verstellen. Würde auch nichts bringen. Ich kann ganz ehrlich sagen: Ich habe ein Problem – mehrere , um genau zu sein. Und ich kann mit Jesus darüber sprechen. Auch dann, wenn dieses Problem Jesus selbst betrifft. Und ich verstehe, dass gute Gewohnheiten durch Tiefs helfen und dass man das Richtige tut, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Aber nicht allein, sondern mit Jesus. Und nicht aus eigener Kraft, sondern mit einem „reinen Herzen“ und einem „neuen Geist“ (Psalm 51,12).
Als ich aussteige, fällt von mir eine Last ab, wie wenn die Diesellocks das letzte Stück ohne die neun schweren Wagons weiterfahren. Ich bin immer noch nicht perfekt und es kommen bestimmt noch Zeiten geben, an denen es mir schwer fallen wird, Zeit mit Jesus zu verbringen. Zeiten, an denen mir die Internetverbindung wichtiger ist, Zeiten, an denen ich enttäuscht bin von mir, von Jesus. Aber ich weiß auch: Gerade zu diesen Zeiten kann ich zu Jesus kommen und sagen: Jetzt mal ehrlich, Gott, was kann ich machen? Und er wird sagen: Du? Nichts. Aber zusammen können wir alles.

Geschrieben von Klaus Müller am Mittwoch, 22 November 2017.
Geposted in YiMC 2017